Eine politisch-geographische Einordnung zur Neutralisation Abdelmalek Droukdels und die Zukunft des europäischen Anti-Terror-Engagements im Sahel.

Am 5. Juni gab die französische Verteidigungsministerin Florence Parly bekannt, dass der Emir der salafistisch-islamistischen Terrorgruppe al-Qaïda au Maghreb islamique (AQMI), Abdelmalek Droukdel[1], zwei Tage zuvor im Rahmen einer von Spezialkräften der französischen Armee durchgeführten Operation nahe der nordmalischen Stadt Tessalit neutralisiert wurde. Durch das Wiederauftreten Amadou Koufas, Gründer und Führer der Katiba Macina und religiöser Berater der an AQMI angeschlossenen Jama’at Nusrat al-Islam wa-l-Muslimin (JNIM) Anfang 2019, stellte sich die offizielle Meldung seiner Neutralisierung Ende 2018 als falsch heraus. Indem das U.S. Africa Command (AFRICOM) über ein eigenes Assessment Parlys Erfolgsmeldung bestätigte, wurden durch den Fall Koufas ausgelöste Zweifel bezüglich der Neutralisierung Droukdels ausgeräumt.

In diesem Beitrag sollen durch eine politisch-geographische Auseinandersetzung die Ereignisse rund um Droukdels Neutralisierung in einen größeren Kontext gesetzt sowie sich daraus ableitende Entwicklungen mit Handlungsempfehlungen für policy maker dargelegt werden. Diese Auseinandersetzung soll mit Charles Gritzners (2002: 38) Leitfragen für geographiebezogene Untersuchungen geführt werden: „What is Where, Why There, and Why Care?“ Zwar mögen diese Leitfragen sehr simplifiziert erscheinen, um komplexe Strukturen aufdecken zu können, jedoch beinhalten sie in ihrer Gesamtheit die wesentlichen Ansätze, um genau dies zu gewährleisten. So werden phänomenologische („What is?“), räumliche („Where?“), analytische („Why there?“) und kontextualisierende, bewertende („Why care?“) Elemente herangezogen, um Eigenschaften und Strukturen im räumlichen Kontext verstehen zu können.

Kurz zusammengefasst ließe sich folgendes Gesamtbild aus den Leitfragen zur Neutralisierung Droukdels ableiten: Die in der Region tief verankerte AQMI verliert durch einen Spezialeinsatz französischer Streitkräfte im peripheren Norden Malis, wo mit Operation Barkhane und der Force Conjointe du G5 Sahel (FCG5S) zwei Anti-Terror-Missionen operieren, ihren Anführer. Dies ist als Erfolg zu werten, jedoch könnte aus der vorübergehenden Führungslosigkeit AQMIs der Ableger des Islamischen Staates in dieser Region – Islamic State in the Greater Sahara (ISGS) – weiter erstarken.

Eine detaillierte Betrachtung der Situation, wie sie herbeigeführt wurde und welche Folgen sie für die Stabilität der Sahelregion hat, offenbart dagegen komplexere Strukturen und wirft Fragen auf.

Dazu ist es zunächst nötig, die Rolle Abdelmalek Droukdels in der Hierarchie von AQMI zu beleuchten. Droukdel, der algerische Staatsbürger, schloss sich der sich in 1998 um Hassan Hattab formierenden islamistischen Bewegung Salafi Group for Preaching and Combat (GSPC) an. Jene GSPC entstand in einem Zersplitterungsprozess der Groupe Islamique Armé (GIA), die als islamistischer Akteur im Algerischen Bürgerkrieg in den 1990er Jahren auftrat und durch abnehmende zivilgesellschaftliche Akzeptanz sowie staatlicher Bekämpfung an Einfluss verlor. AnhängerInnen der GSPC kann insofern eine starke ideologische Bekennung zur Ausrichtung der Gruppe attestiert werden. Selbst gegenüber der Politik der algerischen Regierung, AnhängerInnen (bis auf einige Ausnahmen) Amnestie zu gewähren, zeigte sich die GSPC weitgehend resilient und konnte fortbestehen. Droukdel fungierte in den frühen Jahren der GSPC als Partner Hattabs. Nach der Führungsübernahme Nabil al-Sahraouis in 2003, von dem er ebenfalls protegiert wurde, fiel die leitende Führungsrolle nach dessen Tod in 2004 an Droukdel. Zwischen 2004 und 2007 war es Droukdels Anliegen, die GSPC strategische an al-Qaida auszurichten. Mit dem Treueschwur an Osama bin-Laden wurde die GSPC 2007 als Sub-Organisation von al-Qaida anerkannt und fungiert seither unter dem Namen AQMI. Wenngleich sich AQMI bereits in den ersten fünf Jahren auch außerhalb des ursprünglichen Operationsgebietes in Algerien, primär in Mauretanien und Mali, durch Entführungen mit Schutzgelderpressung und dem internationalen Drogen- und Waffenhandel neue Felder erschloss, blieb die operationale Steuerung in Algerien beheimatet. Da das Füllen von Machtvakua durch AQMI im Zuge der Arabellionen in Tunesien und Libyen weitgehend missling, war es die Vereinnahmung der Rebellion in Nordmali in 2012, durch die sich die regionale Schwerpunksetzung AQMIs verlagerte. Obwohl in 2012 der einflussreiche Feldkommandeur Mokhtar Belmokhtar[2] und in 2013 Abd al-Hamid Abu Zayd – ebenfalls Feldkommandeur in der Sahara für AQMI – mit Droukdel und AQMI brachen, gelang es in 2017 zahlreiche Sahara-Einheiten AQMIs, al-Mourabitoun und Einheiten der insbesondere in Zentralmali operierenden Ansar al-Din (Defenders of the Faith) in der Jama’at Nusrat al-Islam wa-l-Muslimin (The Group for Supporting Islam and Muslims, JNIM) zu koalieren. In einer Videobotschaft erklärten zunächst die Führer von AQMIs-Sahara-Einheiten Hassan al-Ansari, Yahya Abu Hammam, Amadou Koufa und Abu Abderaham al-Sanhaji sowie al-Mourabitouns stellvertretender Führer Iyad ag-Ghaly ihre Gefolgschaft an Droukdel und Ayman al-Zawahiri sowie die Gründung der JNIM. Diese wurde von Droukdel und al-Qaida bewilligt. Die Rolle der Führer dieser stark in der Gesellschaft verwurzelten Gruppen, die in manchen von ihnen kontrollierten Gebieten Leistungen anbieten, die von Rechts wegen der Staat ausführen soll, ist dabei auch im Gesamtordnung AQMIs gewichtig.

Die Befehlsstrukturen AQMIs sind sehr dezentral und geographisch verteilt ausgelegt. Die Kommandohabenden der Untereinheiten agieren durchaus selbständig. Somit kann ihnen ein hohes Maß an Agency in der Herbeiführung der turbulenten und gefährlichen Sicherheitslage in Nord- und Zentralmali bescheinigt werden. Besonders deutlich wurde dies vor der Formierung der JNIM. Als im Januar 2013 ein Vorstoß der damals von ag Ghaly geführten Ansar al-Din auf die Stadt Sévaré in Zentralmali befehligt wurde, fand dies nicht in Abstimmungen mit anderen bzw. höheren Instanzen statt. Insbesondere aber die später abtrünnigen Belmokhtar und Abu Zayd erwiesen sich für Droukdel als schwer kontrollierbar. Aufgrund ihrer zuvor dargelegten Verwurzelung in lokalen Gesellschaften kann zudem davon ausgegangen werden, dass die Kommandohabenden der sub-Gruppen AQMIs über einen Informations- und Wissensvorsprung gegenüber der Dachorganisation und seinem Emir haben. Dies ermöglicht ihnen, auch spontan auf sich kurzfristig ändernde Entwicklungen zu reagieren. Als Emir AQMIs stellt Droukdel dagegen das erste Ziel der Terrorismusbekämpfung dar, wenngleich das Handeln der sub-Gruppen mitunter selbstbestimmt erfolgt. Die individuelle Rolle Droukdels in der strategischen und operationalen Ausrichtung sollte aus diesen Gründen nicht zu hoch bewertet werden. So kann argumentiert werden, dass Feldkommandeure und strategische Führungspersonen von JNIM bzw. deren assoziierten Gruppen, wie insbesondere Iyad ag Ghaly und später Amadou Koufa, größeren Einfluss auf die Dynamiken in Nord- und Zentralmali hatten als deren übergeordnete, aus Ostalgerien operierende AQMI.

Offen bleibt, warum Droukdel, dessen Standort jahrelang in Ostalgerien vermutet wurde, sich Anfang Juni im nördlichen Mali aufhielt. Seine Neutralisierung fand etwa 80 Kilometer östlich von Tessalit, nahe Talhandak, auf malischem Staatsterritorium statt. The Africa Report berichtet, dass Droukdel in Begleitung einiger seiner engsten Vertrauten erst kürzlich die Grenze zwischen Algerien und Mali überquerte[3]. Einer mit dem Fall vertrauten Quelle zufolge, so schreibt The Africa Report, konnten US-amerikanische und französische Dienste Informationen gewinnen, die einen geplanten Grenzübertritt Droukdels nach Mali verifizierten („why there?“). In der Folge wurde ein Einsatz vorbereitet, bei dem ein Spezialkommando per Helikopter in die Zielregion einfliegen und am Boden die Operation ausführen sollten. Dies geschah dann am 3. Juni 2020. Für Droukdel stellt der Grenzübertritt eine besondere Gefahr dar. Mit der französischen Operation Barkhane sowie der FCG5S begab sich Droukdel in das Operationsgebiet gleich zweier, auf malischem Territorium rechtlich abgesicherter Anti-Terror-Missionen. Die am wahrscheinlich zutreffendste These geht davon aus, dass Droukdel über die seit Jahresbeginn stattfindenden Kämpfe zwischen AQMI-assoziierten Gruppen und jenen, die dem erstarkenden ISGS zugehörig sind, verhandeln wollte. Bisher tolerierten und koordinierten sich einzelne sub-Gruppen bzw. die beiden Dachorganisationen in ihrer strategischen Ausrichtung im westlichen Sahel, wodurch beide profitierten.

Aus den bisherigen Informationen können einige Schlussfolgerungen gezogen werden („why care?“): Erstens wurde bewiesen, dass sowohl französische sowie US-amerikanische Dienste über gut funktionierende Informationsquellen verfügen. Dies ist insbesondere hinsichtlich der Informationsübermittlung auch an weitere Missionen wie die UN-Mission MINUSMA, die EU Training Mission in Mali (EUTM Mali) oder die Regionalorganisation G5 Sahel ein ermutigendes Zeichen für deren Ziele. Zweitens verliert die in Nordwest- und Westafrika operierende AQMI mit Droukdel eine Persönlichkeit, die maßgeblich den algerischen Jihadismus prägte. Es ist somit ein weiteres Indiz dafür, dass die die Einflusssphären AQMIs sich nun noch stärker auf die Sahelregion verlagern. Grund dafür ist drittens, die Erwartung, dass JNIM sowie deren formenden Gruppierungen an Handlungsmacht gewinnen und diese auch ausüben werden. Iyad ag Ghaly dürfte trotz seiner per se hohen Bekanntheit nun wegen seiner neuen Handlungsmacht noch stärker in den Fokus der Antiterrormissionen rücken. Aufgrund JNIMs einflussreichen, in der Region verankerten Strukturen scheint die Neutralisierung Droukdels dagegen zunächst wenig bis keine Kausalkraft in Bezug auf ein Erstarken von ISGS im westlichen Sahel zu haben.

Frankreichs progressiver Anti-Terror-Ansatz, Task Force Takuba und die deutsche Zurückhaltung

In den robusten Anti-Terror-Operationen, die nicht von regionalen Akteuren ausgeübt werden, übernehmen französische Streitkräfte die führende Rolle in der Sahelregion ein. In der von der malischen Regierung erbetene Operation Barkhane sind etwa 5.000 französische Streitkräfte abgestellt. Um das Anti-Terror-Engagement weiter zu verstärken, ersuchte Präsident Emanuel Macron bereits seit Mitte 2019 die Unterstützung weiterer europäischer Partner für ein die bisherigen Missionen ergänzendes Konzept. Unter französischem Kommando wollen inzwischen neben Mali und Niger Belgien, Deutschland, Dänemark, Estland, Griechenland, Kanada, die Niederlande, Portugal, Schweden und das Vereinigte Königsreich die sogenannte Task Force Takuba unterstützen. In den Unterstützungsbekundungen sind deutliche Abweichungen bezüglich der zu leistenden Aufgaben ersichtlich. Im Folgenden wird die sich auf politische Unterstützung beschränkende Zusage der deutschen Regierung an die Task Force Takuba im Kontext einer Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) diskutiert.

Ziel der Task Force soll es sein, die Abläufe der Operationen in der Region zu beschleunigen und effizienter zu gestalten, sodass islamistische Organisationen, allen voran ISGS aber auch JNIM, aus ihren Einflusssphären verdrängt werden können. Primäres Einsatzgebiet wird die Region Liptako-Gourma im Dreiländereck von Mali, Niger und Burkina Faso sein, wo durch das Erstarken des ISGS sich die Sicherheitslage in den vergangenen Monaten deutlich verschlechterte. Die deutsche Unterstützung ist dabei jedoch lediglich politischer Natur. Deutsche Soldaten werden nicht in die Task Force abgestellt werden. Mit dieser Haltung wird das Streben nach einer stärkeren GSVP in diesem Fall ausgebremst, obwohl die Task Force Takuba viele Voraussetzungen anbietet. Die Risiken, die mit den militärischen Einsätzen verbunden sind, tragen somit die Kontingente abstellenden Staaten (bisher Frankreich, Belgien, Dänemark, Estland, den Niederlanden und Portugal sowie Mali und Niger). Dass die zuvor genannten Staaten die Notwendigkeit eines stärkeren Engagements mit der Entsendung von Streitkräften adressieren, zeigt die Notwendigkeit der Strategieanpassung in der Zielregion. Denn bisher konnten die dort durch erstarkende jihadistische Gruppierungen entstandenen Gefahren nicht eingedämmt werden – im Gegenteil.

Teil eines vernetzten sicherheitspolitischen Ansatzes bedeutet für die Sahelregion auch mittels militärischer Einsätze die Terrorgefahren einzudämmen, sodass die Region langfristig befriedet werden kann. Ende Mai wurden durch die Neumandatierung zur Entsendung deutscher Truppen an MINUSMA und EUTM Mali durch den Bundestag deren Mandate, insbesondere im Falle EUTM Malis, etwas progressiver ausgestaltet. Dies ist als Zeichen zu deuten, dass die Notwendigkeit der Strategieanpassung erkannt worden ist, gleichzeitig jedoch die Frage aufwirft, weshalb die Abstellung deutscher Streitkräfte an die Task Force Takuba scheinbar weder geprüft noch offiziell diskutiert wurde. Der Grundtenor des Weißbuches Sicherheitspolitik besagt, dass Deutschland sich seiner Rolle in Europa bewusst ist und sich sicherheitspolitisch stärker positionieren und global Verantwortung übernehmen will.

Durch die deutsche Zurückhaltung wird sich nicht nur die Chance genommen, eine einheitliche europäische Position zu vertreten. Darüber hinaus würde ein deutsches Engagement der Task Force zu einer größeren Anerkennung unter der Zivilbevölkerung der Westsahelländer führen. Proteste gegen ein zu starkes und nicht seine Versprechungen einhaltendes Engagement der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich in den Hauptstädten Bamako, Niamey und Ouagadougou sind nicht neu. Deutsches Engagement wird dagegen weitaus weniger kritisch gesehen.

Eine frühe und intensivere Beschäftigung mit Macrons Ersuch der deutschen Unterstützung hätte Diskussionen über das Engagement auf verschiedenen Ebenen stimulieren können: von der Ausweitung EUTM Malis, einer Mandatierung durch den Europäischen Rat oder der Aktivierung von Artikel 42.7 des Lissabon-Vertrags, der sogenannten EU-Beistandsklausel.


[1] andere Schreibweisen kursieren; auch bekannt als Abu Mus’ab Abd al-Wadud.

[2] auch er wurde – sogar mehrfach – als tot erklärt, trat anschließend jedoch wieder in Erscheinung. Seit französischen Luftangriffen im November 2016 gibt es kein offizielles Lebenszeichen mehr von Belmokhtar. Zwei in Algerien gefangen genommene Islamisten berichteten in 2018 dagegen, dass Belmokhtar lebe und sich in der Zentralsahara aufhalte.

[3] Tessalit liegt im Nordosten Malis etwa 60 Kilometer von der Grenze zu Algerien entfernt.

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