COVID-19 in den Sahelstaaten – Impuls für neue Konfliktdynamiken?

Die globale Verbreitung des Corona-Virus erreicht nunmehr auch die peripheren Gebiete der Binnenstaaten im Sahel. Hinsichtlich der prekären Sicherheitslage – insbesondere in Zentral-Mali sowie in Liptako-Gourma, der Grenzregion zwischen Burkina Faso, Mali und Niger – prognostiziert eine Vielzahl von Expert_innen einen weiteren, durch die Pandemie bedingten Anstieg jihadistischer Rekrutierungen sowie terroristischer Anschläge. Dementgegen zeichnet der Politik- und Islamwissenschaftler Alex Thurston ein differenzierteres Bild.

Bereits Anfang April wurde beschlossen, den Betrieb der Ausbildungsmission der Europäischen Union in Mali (EUTM) vorübergehend einzustellen. Aufgrund der hohen Übertragungsgefahr wurden beispielsweise auch in Deutschland neue Rekrut_innen zunächst nicht in ihre Ausbildungskasernen bestellt. Sorge bereitet einigen Expert_innen die Aussicht, dass die operativen Missionen ihre Aufgaben infolge präventiver Maßnahmen gegen das Corona-Virus nicht vollumfänglich leisten können – so der Genfer Terrorexperte Jean-Paul Rouiller in der NDR-Sendung „Streitkräfte und Strategien“ vom 02.04.2020:

„Wenn Barkhane oder MINUSMA sich zurückziehen oder ihre Soldaten nicht mehr im normalen Rhythmus patrouillieren können, dann müssen wir davon ausgehen, dass Terroristen im Norden Malis die Lücke füllen werden und überall dort einmarschieren, wo sie den Eindruck haben, dass es keine Gegenwehr mehr gibt.“

Jean-Paul Rouiller (Geneva Centre for Security Policy)

In selbiger Sendung wird Elissa Jobson von der International Crisis Group (ICG) zitiert, die auf die diversen Sicherheitsrisiken hinweist, welche staatliche Kräfte vor enorme Herausforderungen stellen:

„Es besteht das Risiko, dass Dschihadisten oder andere bewaffnete Gruppen ihre Angriffe ausweiten. Diese Gruppen nutzen das Chaos, und die Gefahr ist groß, dass Armee und Polizei in Zeiten wachsender Unruhen in den ohnehin unregierten Räumen, wo Terroristen agieren, noch weniger präsent sind als sonst.“

Elissa Jobson (International Crisis Group)

Eine solche strategische Ausrichtung jihadistischer Gruppen erachtet unter anderem auch John Campbell in einem Beitrag für den Council on Foreign Relations als mögliche Reaktion auf die Verbreitung von COVID-19-Fällen. Jenen obliege nach Campbell je nach der Entwicklung des Pandemieausbreitung in den Binnenstaaten des Sahel zudem die Freiheit der Wahl über das Narrativ: bleiben von den jihadistischen Gruppen kontrollierte Gebiete weitestgehend von COVID-19 verschont, so werde die Pandemie als Strafe Gottes für „die Ungläubigen“ kommuniziert; trifft die Pandemie jedoch eben jene Gebiete, so würde den internationalen (westlichen) Akteuren in der Region die Schuld für die Verbreitung angelastet werden.

Wenngleich Thurston in seinem Blog-Beitrag all jene Szenarien ebenfalls für möglich erachtet, begründet er seine Gedanken aus einer erweiterten Perspektive: die vorherig genannten zeichnen ihre Argumentationsstruktur von außen, während Thurston zudem potenzielle Konflikte innerhalb der jihadistischen Gruppen miteinbezieht respektive aus deren Perspektive die Lage evaluiert.

Als erstes Argument nennt er, dass jene Gruppen gleichfalls von der Corona-Pandemie betroffen werden können. Zwar seien die Anhänger_innen recht jung, jedoch sei das Alter erwiesenermaßen kein Faktor, der Immunität gewährt. Darüber hinaus seien hohe Entscheidungsträger mitunter in höherem Alter. Insbesondere diesen werde es wegen ihrer Bekanntheit und der damit verbunden enorm hohen Wahrscheinlichkeit festgenommen zu werden nahezu unmöglich seien, im Falle einer Infizierung, eine professionelle Behandlung in Anspruch zu nehmen. Für weniger bekannte Anhänger_innen bestehe diese Gefahr ebenfalls – wenngleich mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit der Nachweisung ihrer jihadistischen Aktivitäten. Dennoch bestehe aufgrund der verhältnismäßig geringen Kapazitäten in den Gesundheitssystemen keine Garantie auf eine professionelle Behandlung.

Thurstons zweiter Punkt bezieht sich auf von jihadistischen Gruppen kontrollierte Räume, in denen sie als nicht-staatlicher Akteur effektiv als Regierende auftreten, indem sie funktionierende politische und wirtschaftliche Systeme etablieren konnten. Wenngleich Campbell auf Quellen verweist, die nachweisen, dass die Etablierung von Gesundheitsapparaten seit Kurzem ebenfalls in das Aufgabenspektrum jihadistischer und terroristischer Gruppierungen aufgenommen wurde, kann keinesfalls von funktionierenden Strukturen im Sahel die Rede sein. Eben jene Unfähigkeit der Bereitstellung von Dienstleistung könne die Unterstützung der Anhänger_innen und Regierten jener Gruppen abreißen lassen. Gleichfalls sieht Thurston es als wahrscheinlicher an, dass bei unzureichend erachtetem staatlichem Management der Corona-Krise, Menschen versuchen zu fliehen, anstatt ihre Situation durch das Anschließen jihadistischer Gruppen verbessern zu wollen. Im besten Falle gewinnen die offiziell gewählten Regierungen sogar an Vertrauen, insofern sie ein gutes Pandemie-Management beweisen.

Bezüglich der Hoheit des Narratives erkennt Thurston, dass jihadistische Gruppen in der gegenwärtigen Situation oft konträre Positionen zu islamischen Gelehrten einnehmen. Letztere bewiesen weitaus stärkere Argumentationslinien, indem sie auf die Gefahren des Virus hinweisen sowie sinnvolle Verhaltensempfehlungen zur Prävention in den sozialen Netzwerken verbreiten. Damit einhergehend sei eine noch weiter fortschreitende Entfremdung zwischen gewöhnlichen Gläubigen („ordinary Muslims“) und den radikalen Ideologien der jihadistischen Gruppen feststellbar.

Eben jene Entfremdung könne zu einer geringen Rekrutierungsrate für jihadistische Gruppierungen führen, repressivere staatliche Maßnahmen bezüglich der Gewohnheitsrechte zur Bekämpfung der Pandemie wirken dem jedoch entgegen.

Angesichts der diversen geschilderten Argumente und Blickwinkel kann resümiert werden, dass aufgrund Thurstons kritischer Ergänzungen zu den Prognosen der Vorgenannten das Bild eines Nullsummenspiels (ist der Staat überfordert, wird das Vakuum von jihadistischen Gruppen gefüllt) zunächst unter Vorbehalt gestellt werden sollte.

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